Birgit Denk berichtet über DENKwürdiges

Donnerstag, November 16, 2006

Sozialisation

Seit Monaten fällt mir auf, dass die typischen Staubsaugervertreter, Zeugen Jehovas, Zeitungsaboandreher, Privatstromanbieter, SpendensammlerInnen, die früher von Tür zu Tür gingen, und bei mir oft für gute Unterhaltung sorgten, mittlerweile sehr selten geworden sind. Meine Erklärung dafür: Leit daham quälen is genau so aus der Mode gekommen, wie Greissler und Bankfrau und Versicherungshansi. Das Internet und der unpersönliche Supermarktgedanke haben sich durchgesetzt.
Des Kommunikative, des Basenatratscherl, de san irgendwie out.

Aber: Heute Vormittag war es wieder soweit. Endlich.
Es läutet an der Tür, ich öffne, da sind sie. Zwei junge Männer in Anzügen, Krawatte, Schal. Gut gekämmt und gut riechend, im Gegensatz zu mir. (Man/frau lässt sich auch viel mehr gehen daham als früher, vielleicht will man diese Türmenschen auch deshalb nimmer so gern wie früher. Die Hausfrauen von vor 20 Jahren waren immer, mit aufgeräumter Wohnung, frischem Kaffe und Kekserl, wenn net sogar 4 gängigen Menü auf alle Eventualitäten vorbereitet.)
Gleich wird die Aufgabenteilung klar. Der eine in der Tür Steher spricht, der andere auf der Stiegestehenbleiber schreibt.
Beide sind türkischer Abstammung, tut aber nur soviel zur Sache, dass der Stiegenschreiber offensichtlich in Wien aufgewachsen ist, der Sprecher aber, betont gleich, dass er aus Berlin ist.

Sprecher erklärt, er kontrolliere seinen gestern im Gebiet vorsprechenden Kollegen. Ob der gestern zwischen 18 und 19:30 eh bei mir war. Meine Auskunft: "Da war ich net daham." Schreiber schreibt was. Sprecher merkt sofort meine Bereitschaft mich von ihm beschwatzen zu lassen, und begeht trotz diesem für ihn positiven Umstandes, gleich unbeabsichtigten Sozialisationsfehler Nummer Eins. "Was ist denn das hier? Ein Dorf? Oder ein Markt oder wie das bei euch heisst." Ich entgegne: "Wos jetzt genau?" Sprecher:" Na dieses Schwachet." Blickt hilfesuchend zum Schreiber. Der leise: "Schwechat."
Tut mir leid aber da war ich schon leicht eingeschnappt, wie jede/r BewohnerIn dieser STADT. Bin fair, und mache Sprecher gleich aufmerksam, dass er bei seinen weiteren Hausbesuchen, wenn er was reissen will, von der "Stadt Schwechat" reden soll. Mia sind jo schließlich fast 20.000 da.
Sprecher drückt mir weiters eine Plastikkarte in die Hand, die ihn als Mitarbeiter einer Internet und Telefonfirma ausweist. OK, oiso alles legal.
Sprecher beginnt mit seinen gut trainierten Fragen an mich. Schreiber schreibt... wos a immer.
Ob ich ein Internet habe, oder auch ein Telefon, seit wann, von wem, was ich dafür bezahle, was ich konsumiere im Netz, wie schnell das geht. Es folgt Fachchinesisch.
Ich habe auf 4/5 seiner Fragen keine Antwort parat, oder betrachte die von ihm eingeforderten Auskünfte als zu privat. Mein oft geäussertes: "Weiß ich nicht", veranlassen ihn zu Sozialisationsfehler Nummer Zwei. - Sprecher wird belehrend.
Was in Wien aufgewachsenem Schreiber, sogar zu einem fragenden Blick in seines Berliner "Vorgesetzten" Richtung verleitet.
Ich müsse mich, so Sprecher, doch mehr befassen was ich wofür zahle, was ich wofür bekomme.
Ich schon nicht mehr so auf Quatschen. Verfluche meine anfängliche Basenanostalgie. Meine dass ich zufrieden bin, so wie`s is, die letzten 5 Jahre, mit mir und dem Internet.
Sprecher antwortet mit Sozialisationsfehler Nummer Drei. Ich solle ihm doch bitte gleich die Rechnung von meinem Anbieter holen.
Ich wirsch: "Auf was hinauf?". Versteht er nicht. Ich "Warum". Es kommt zum unvermeidlichen Sozialisationsfehler Nummer Vier: Damit er mir helfen kann, zu zeigen, dass sein Angebot viel besser ist, und er mich aus meinem Internet/Telefon/Fernseh Notstand erretten kann.
Schreiber blickt mir tief in die Augen und ich kann darin lesen:" Tschuigung er is hoit a bissl a Streber."
Hole meine Rechnung nicht, sondern nur tief Luft.
Mit den Worten: "Danke für ihr Angebot, und einen schönen Tag noch", schliesse ich die Wohnungstür.
Empfinde das als einen Entwicklungsfortschritt. Ist mir damals beim Herren "GIS" um 20 Uhr irgendwas, nicht gelungen. Ich werd besser, keine Frage.

Der Sprecher hat ein schweres Los bei uns in der Siedlung, davon bin ich überzeugt, aber vielleicht lässt er ja bald den Schreiber die Verhandlungen führen. Verkaufstechnisch würd ich ihm das empfehlen.

17:25: Bitte jetzt kein blöder Schmäh! Hab mir gerade von einem arbeitslosen Elektriker auf Umschulung, in bester verkaufstechnisch raffiniertester Art und Weise, und zu dem für ihn besten Zeitpunkt (wo i grad an Blog schreib über den Bledsinn) ein GEO Abo für ein Jahr andrehen lassen!
Der Typ, is sicher in der selben Gegend aufgewachsen, wie ich. Da war ich chancenlos!!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ja, die versuchen´s wirklich mit allen Tricks. Dann hat der GEO-Heini also deine Aufmerksamkeit, die du dem b.log gewidmet hast, ausgenutzt. Hoffe, du kannst das Abo noch stornieren.

Wünsch dir trotzdem noch einen schönen Abend.

Liebe Grüße
Thomas